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Wie ich zum Scheinfasten gekommen bin – ein persönlicher Erfahrungsbericht

  • Autorenbild: Irina Schneider
    Irina Schneider
  • 19. Jan.
  • 6 Min. Lesezeit

Zum Thema Scheinfasten bin ich nicht zufällig gekommen. Wie so oft in meinem Leben war es eine Mischung aus persönlicher Geschichte, Neugier, dem Wunsch nach mehr Verständnis – und dem tiefen Bedürfnis, möglichst lange körperlich und mental gesund zu bleiben – und, dass ganz bewusst MIT meiner AD(H)S!

Gesundheit spielt für mich schon seit vielen Jahren eine große Rolle. Nicht zuletzt deshalb, weil ich meine Mama sehr früh an Krebs verloren habe. Sie wurde gerade einmal 50 Jahre alt. Diese Erfahrung hat mich geprägt. Heute bin ich selbst über 50 und mir ist sehr bewusst: Gesundheit ist nichts Selbstverständliches. Sie ist etwas, das wir aktiv pflegen dürfen und sollen – ohne Druck, aber mit Verantwortung für uns selbst.


Ein zentraler Bestandteil von Gesundheit ist für mich die Ernährung. Und hier schließt sich auch der Kreis zu AD(H)S. Ernährung ist für mich eine von vier wichtigen Strategien im Umgang mit den Herausforderungen von AD(H)S – neben Bewegung, Achtsamkeit und, wenn notwendig, medikamentöser Unterstützung. Entscheidend ist für mich dabei: Diese Strategien wirken nicht isoliert. Ihre Grundlage ist immer ein fundiertes Verständnis darüber, wie AD(H)S funktioniert – neurobiologisch, mental und im Alltag. Erst auf dieser Basis können Ernährung, Bewegung, Achtsamkeit und Medikation sinnvoll eingesetzt werden – nicht als starres Konzept, sondern als individuelle Werkzeuge, die Energie geben, innere Stabilität fördern und die mentale Leistungsfähigkeit unterstützen.

Typisch AD(H)S bin ich dann tiefer eingestiegen. Ich habe angefangen, mich intensiver mit Ernährung zu beschäftigen und parallel sogar eine Ausbildung zur Ernährungsberaterin abgeschlossen – einfach, weil ich es liebe, Dinge wirklich zu verstehen. Ich möchte Zusammenhänge begreifen, Detailwissen aufbauen und Inhalte so durchdringen, dass ich sie mir selbst und anderen gut erklären kann.


Wie das so ist mit selektiver Wahrnehmung: Je mehr ich mich mit Ernährung beschäftigte, desto häufiger begegnete mir das Thema Fasten. Klassisches Heilfasten war für mich allerdings nie eine echte Option. Es dauert mir zu lange, ist sehr restriktiv und fühlt sich für mich eher nach Verzicht als nach Fürsorge an. Ich esse einfach sehr gerne – und Essen ist für mich ein wichtiger Achtsamkeitsmoment im Alltag.


Auch intermittierendes Fasten hat mich nie überzeugt. Wir haben es ausprobiert, aber ich liebe es, gemeinsam mit meinem Mann zu frühstücken und so den Tag als schönes Ritual zu beginnen. Außerdem nehme ich wahr, dass beim intermittierenden Fasten der Fokus häufig eher auf den Essenszeiten liegt und weniger darauf, was in diesem Zeitfenster gegessen wird. Für mich persönlich gehört zu einer gesunden Ernährung aber beides zusammen – der zeitliche Rahmen und die Qualität der Lebensmittel.

Und dann bin ich auf das Thema Scheinfasten gestoßen.


Was mich am Scheinfasten fasziniert hat


Das Besondere am Scheinfasten ist: Man darf essen. Und man soll sogar essen.


Eine Scheinfastenphase ist zeitlich überschaubar. Sie dauert in der Regel fünf Tage, ergänzt durch einen Vorbereitungstag und einen Aufbautag – insgesamt also sieben Tage. Es gibt klare Vorgaben zur Kalorienmenge, die bewusst niedrig gehalten wird, ohne dass es sich nach Hungern anfühlt.


Was mich besonders angesprochen hat, war der dahinterliegende Mechanismus. Durch die reduzierte Kalorienzufuhr und die gezielte Zusammensetzung der Nahrung wird der Körper in einen Zustand gebracht, der dem Fasten ähnelt. Der Stoffwechsel stellt auf Ketonkörper um – ein Prozess, der als Ketogenese bezeichnet wird. Diese Ketonkörper dienen als alternative Energiequelle und werden besonders gut von den Nervenzellen im Gehirn genutzt.

Gleichzeitig wird ein weiterer, sehr spannender Prozess angestoßen: die Autophagie. Vereinfacht gesagt handelt es sich dabei um eine Art „zelluläres Aufräumen“. Alte, beschädigte Zellbestandteile werden abgebaut und recycelt. Dieser Prozess gilt als wichtiger Mechanismus für Zellgesundheit, Regeneration und langfristige Stoffwechselstabilität.


Dass man diese Effekte erreichen kann, ohne komplett auf Nahrung zu verzichten, hat mich ehrlich begeistert.


Hinweis: Die beschriebenen Wirkmechanismen des Scheinfastens – insbesondere Ketogenese und Autophagie – orientieren sich u. a. am Scheinfasten-Konzept von Prof. Dr. Andreas Michalsen, wie es z. B. in seinem Buch „Scheinfasten – Mein Masterplan“ dargestellt wird, ergänzt durch eigene Erfahrungen.


Unsere Entscheidung und die Vorbereitung


Mein Mann war schnell überzeugt. Wir ernähren uns schon seit langer Zeit sehr bewusst. Wir trinken keinen Alkohol mehr, essen überwiegend vegetarisch, lieben Fisch und essen Fleisch nur noch sehr selten – dann aber ganz bewusst und in guter Qualität. Hochverarbeitete Lebensmittel kommen bei uns nicht auf den Tisch. Wir kochen frisch, möglichst bio, und nehmen uns Zeit fürs Essen.


Für das Scheinfasten haben wir uns an das Buch „Scheinfasten – Mein Masterplan“ von Prof. Dr. Michalsen gehalten. Uns hat besonders gefallen, dass es für jeden Tag

mehrere Menüvarianten gibt. Man entscheidet sich für eine Variante pro Tag, die dann zwingend eingehalten wird. Das schafft Struktur und Klarheit. Etwas, dass ich besonders liebe.


Wir haben viele neue Lebensmittel kennengelernt: Amaranth, Hefeflocken, Reisflocken, Reismehl, Erdmandelflocken, Kakao-Nibs und bisher nicht beachtete ausprobiert: Butternutkürbis, Tofu, Papaya, Polenta, Reisnudeln. Mungobohnensprossen und Radieschensprossen haben wir sogar selbst gezogen. Dazu zahlreiche neue Gewürze. Dinge, die vorher keine Rolle gespielt haben, wurden plötzlich Teil unseres Alltags.


Und dann kam meine AD(H)S so richtig ins Spiel – im positiven Sinne. Ich liebe Struktur. Also haben wir geplant. Wir haben uns gemeinsam hingesetzt, entschieden, welche Variante wir an welchen Tagen kochen, Einkaufslisten erstellt und alles vorbereitet. Ich war mehrfach im Biomarkt, habe mir Hilfe geholt, gefragt, gesucht, entdeckt. Zu Hause habe ich Listen abgehakt, Tüten für jeden Tag gepackt, mir Notizen gemacht. Sieben Tüten für sieben Tage – das war für mich fast schon meditativ.


Die Zubereitung der Gerichte war unkompliziert. Zwischen 20 und 40 Minuten pro Mahlzeit, gut machbar. Und vor allem: Es hat Spaß gemacht. Wir haben gemeinsam geschnippelt, gekocht, probiert. Das Scheinfasten wurde nicht zu einer Belastung, sondern zu einem gemeinsamen Projekt.


Unsere Erfahrungen während der Scheinfastenwoche


Chiapudding mit Mango -  Auch nach dem Scheinfasten als Dessert super lecker.
Chiapudding mit Mango - Auch nach dem Scheinfasten als Dessert super lecker.

Wir sind motiviert in diese Woche gestartet – kurz vor Weihnachten. Und wir waren ehrlich überrascht.


Wir hatten keinen Hunger! Trotz der reduzierten Kalorienmenge.


Am Vorbereitungs- und Aufbautag lagen wir bei etwa 1.500 Kilokalorien, an den eigentlichen Scheinfastentagen bei anfänglich 750, dann 650. Unser Körper hat sehr klar reagiert. Ich habe Phasen von echter Euphorie erlebt – was gut zu den Beschreibungen passt, dass durch die Stoffwechselumstellung unter anderem mehr Serotonin verfügbar sein kann. An anderen Tagen war die Energie etwas niedriger. Aber alles blieb gut handhabbar.


Veganes Shop Suey -          Richtig schmackhaft und und für mich das erste Mal Reisnudeln.
Veganes Shop Suey -          Richtig schmackhaft und und für mich das erste Mal Reisnudeln.

Ein wichtiger Punkt war: Wir haben das gemeinsam gemacht. Nicht allein. Das hat enorm geholfen. Die Gerichte sind bewusst für zwei Personen ausgelegt – auch das scheint kein Zufall zu sein. Gemeinsam durchhalten, sich unterstützen, sich austauschen.


Wir haben währenddessen gearbeitet, was uns gut getan hat. Ablenkung war hilfreich. Wir haben uns bewusst eine Woche ausgesucht, in der wir keine Außentermine hatten, um die Vorbereitung und das Kochen gut integrieren zu können.

Die Gerichte waren nicht nur essbar, sondern richtig lecker. Wir haben sie genauso hinbekommen wie auf den Bildern – und sind ehrlich stolz auf uns.


Die Effekte danach


Lisen-Spinat-Curry -                                             Ich liebe Linsen; lädt definitiv zum Wiederholen ein.
Lisen-Spinat-Curry - Ich liebe Linsen; lädt definitiv zum Wiederholen ein.

Nach der Woche haben wir deutliche Veränderungen gespürt. Körperlich, aber auch mental. Auch wenn das kein primäres Ziel für uns war: Wir haben Gewicht verloren – obwohl wir gegessen haben. Das Bauchfett hat sich tatsächlich reduziert, deutlich messbar und spürbar am Bauchumfang.


Wir wissen, dass Körperwaagen mit vielen Messwerten nur bedingt aussagekräftig sind. Aber die Veränderung war deutlich: Sowohl der Körperfettanteil als auch das metabolische Alter waren gesunken. Für uns ein Hinweis, dass sich tatsächlich etwas im Stoffwechsel getan hat.


Empfohlen wird, Scheinfasten drei- bis viermal im Jahr durchzuführen. Wir haben uns entschieden, es dreimal jährlich zu machen. Nicht aus Zwang, sondern aus Überzeugung! Und, die Termine sind natürlich für dieses Jahr schon fest eingeplant und im Kalender eingetragen.


Mein Fazit


Scheinfasten ist für uns eine sehr positive Erfahrung. Es ist gut umsetzbar, alltagstauglich, motivierend – und fühlt sich nicht nach Verzicht an, sondern nach Selbstfürsorge. Gerade für Menschen mit AD(H)S, für die Ernährung eine große Rolle spielt, kann es ein sehr stimmiger Baustein sein.


Wir hatten es vielleicht etwas leichter, weil unsere Ernährung schon vorher stark pflanzenbasiert war. Aber genau das zeigt auch: Es ist kein radikaler Bruch, sondern eine konsequente Weiterentwicklung.


Wer Interesse am Thema Scheinfasten hat, darf sich gerne bei mir melden. Ich führe dazu gern ein Gespräch und teile unsere Erfahrungen. Ich bin überzeugt, dass Scheinfasten eine gute Möglichkeit ist, langfristig etwas für die eigene Gesundheit zu tun – und vielleicht auch das ein oder andere Zipperlein unterstützend in den Griff zu bekommen.


Eure Irina




 
 
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